Aus der Krise entstanden: Siegfried Lehmanns Idee einer Jugendsiedlung in Palästina

Beate Lehmann

Quellenbeschreibung

Das Tagebuch des jüdischen Arztes und Pädagogen Siegfried Lehmann wird im Archiv des von ihm gegründeten Kinder- und Jugenddorfes Ben Schemen in Israel aufbewahrt. Es handelt sich um ein fadengebundenes Heft im DIN-A 5-Format mit halbfestem, schwarzem Einband und Blanko-Blättern. Die ersten, offenbar beschriebenen Seiten des Heftes fehlen, die letzten, wahrscheinlich unbeschriebenen, wurden herausgeschnitten. Die Einträge umfassen auf 87 Seiten den Zeitraum vom 29.12.1924–20.12.1930. Die einzelnen Einträge wurden i. d. R. mit großen zeitlichen Abständen verfasst. Besondere Aufmerksamkeit gilt im Folgenden dem Eintrag vom 28.02.1925. Siegfried Lehmann hatte zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen, die Leitung der jüdischen Waisenfürsorge in Litauen abzugeben und das von ihm gegründete Kinderhaus in Kowno zu verlassen. Sein Plan war es, in Palästina eine landwirtschaftliche Jugendsiedlung zu gründen, in der Kinder und Jugendliche aus Kowno eine landwirtschaftliche Ausbildung erhalten sollten, die es ihnen später ermöglichen würde, für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Im Eintrag vom 28.02.1925 beschreibt Siegfried Lehmann, welche Idee ihn motivierte und wie er sich die Anlage der Siedlung vorstellte. Siegfried Lehmann nutzte verschiedene Materialien und Methoden, um Unterstützer:innen für seine Idee zu gewinnen – dazu gehörten u. a. Broschüren, Vorträge und Filme. Der Tagebucheintrag aber diente Lehmann ausschließlich der Selbstreflexion und der Strukturierung seiner Gedanken. Die zum Eintrag gehörende Skizze der geplanten Jugendsiedlung wurde von ihm nie veröffentlicht.

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Siegfried Lehmann und die litauische Waisenfürsorge


Auf Bitten des Jüdischen Nationalrates übernahm der Berliner Arzt Siegfried Lehmann ab 1921 die Versorgung litauischer Kriegs- und Sozialwaisen. Dazu gründete er das Kinderhaus Kowno, das sich innerhalb weniger Jahre mit 200 Plätzen zur größten Waiseneinrichtung Osteuropas entwickelte. Versorgt wurden sowohl Kinder und Jugendliche, die infolge von Kriegsereignissen und -folgen ihre Eltern verloren hatten als auch solche, deren Eltern nicht imstande waren, für den eigenen Nachwuchs zu sorgen. Finanziert wurde die reformpädagogisch arbeitende Anstalt u. a. von der lokalen jüdischen Gemeinde, jüdischen und nichtjüdischen Hilfsorganisationen wie dem Joint und dem Roten Kreuz sowie privaten Spender:innen. In Deutschland galt das Haus, das sowohl über eine medizinische als auch über eine soziale und eine pädagogische Abteilung verfügte, bald als Vorzeigeprojekt.

Persönliche Krise, politische Veränderung und eine weitreichende Entscheidung


Nicht nur die anspruchsvolle Arbeit im Kinderhaus hinterließ bei Siegfried Lehmann Spuren. Auch seine persönliche Situation erwies sich als sehr belastend: Bereits nach kurzer Zeit war seine Ehefrau Annie, die ihn zunächst nach Kowno begleitet hatte, nach Berlin zurückgekehrt. Den gemeinsamen Sohn Alfred hatte sie mitgenommen. Wollte Siegfried Lehmann Alfred sehen, musste er ins rund 1.000 Kilometer entfernte Berlin reisen. Diese Reisen forderten von ihm Kraft und Zeit. Bald veränderte sich auch die politische Situation in Litauen: Waren den dort lebenden Bevölkerungsminderheiten – unter ihnen der jüdischen – im Zuge der Staatsgründung weitgehende Selbstverwaltungsrechte eingeräumt worden, wurden diese ab 1923 beschnitten. Konflikte mit dem Nachbarland Polen führten in Litauen zu einem erstarkenden Nationalismus, der mit wachsendem Antisemitismus einherging. 1924 wurden der jüdische Nationalrat und das Ministerium für jüdische Angelegenheiten abgeschafft. Die Zöglinge des Waisenhauses konnten sich fortan kaum Hoffnungen darauf machen, die gleichen Rechte und Möglichkeiten wie nichtjüdische Litauer zu haben. Eine selbst gestaltete berufliche Zukunft schien für sie kaum noch möglich. Das Konglomerat aus beruflicher und privater Belastung sowie den politischen Verschlechterungen führte dazu, dass Lehmann Anfang Januar 1925, mittlerweile völlig erschöpft, schwer erkrankte. Nach einer mehrwöchigen Erholung, während der er viel Zeit mit Nachdenken und Lesen verbrachte, traf er eine Entscheidung: Er würde Kowno verlassen und nach Palästina gehen. Nachdem er diesen Schritt zunächst nur für sich selbst beschlossen hatte, folgte bald eine weitere, bedeutende Entscheidung: Er würde nicht allein bzw. in Begleitung seiner neuen Partnerin Rebecca Klavansky Alija machen. Eine Gruppe Jugendlicher sollte das Paar begleiten. In Palästina wollte man eine landwirtschaftliche Siedlung gründen. Was genau er sich von diesem Projekt versprach und wie es in seiner Fantasie aussah, hielt Siegfried Lehmann in seinem Tagebucheintrag vom 28.02.1925 fest.

Eine Aufgabe für Lehmann, ein Ort für die jüdische Jugend


Von der Niedergeschlagenheit und dem Kummer, die Lehmann noch wenige Wochen zuvor belastet hatten, ist Ende Februar nichts mehr zu spüren. Die Entscheidung, mit Jugendlichen aus Kowno eine Siedlung in Palästina zu gründen, hat offensichtlich nicht nur Lehmann selbst, sondern auch die Zöglinge des Kinderhauses und die Mitarbeiter:innen in euphorische Stimmung versetzt. Zweifel oder Hinweise auf erwartbare Hindernisse lassen sich Lehmanns Eintrag nicht entnehmen. Auch hinsichtlich der eigenen Eignung ist er zuversichtlich: Ruhe und Besinnung und vor allem persönliche Hingabe sind für ihn ausreichende Voraussetzungen für das Projekt, von einschlägiger Lektüre und Vorträgen verspricht er sich nur wenig. Die Vorbereitung für Palästina ist eine ideologisch extrem aufgeladene Sache. Und obwohl er nach Erez Israel gehen will, lassen sich besagtem Eintrag keine zionistischen Motive entnehmen: Von einem Aufbauwerk in Palästina, zu dem die jüdische Jugend einen Beitrag leisten sollte, ist keine Rede. Die landwirtschaftliche Siedlung, die Lehmann zu Beginn des Jahres 1925 plant, könnte auch in einem anderen Land liegen. Die Siedlung ist für Lehmann der Platz, an dem jüdische Kinder und Jugendliche leben und eine Perspektive für das eigene Leben entwickeln können. Ihm selbst bietet das Projekt die Möglichkeit, ein kleines Stück der Welt, die er als unrein, zerrissen und getrübt wahrnimmt, wieder in ihren Urzustand zu versetzten: in den Zustand der Reinheit und Schönheit. Aus Chaos wird er Kosmos machen. Was genau er unter einer unreinen und chaotischen Welt versteht, beschreibt Lehmann nicht. Ein Blick auf seine Biografie zeigt allerdings, dass er, als er im Alter von 33 Jahren seinen Eintrag verfasst, bereits viel erlebt hat, das unter diese Überschrift subsumiert werden kann: Den Krieg mit als lebensbedrohlich empfundenen Einsätzen in Osteuropa, den frühen Tod von Mutter und Bruder, den Hungerwinter 1917, die Armut und das Elend der Waisen in Osteuropa und das Erstarken von Antisemitismus und Nationalismus in Litauen dürfen dazu gezählt werden.

Zur Bedeutung von Natur und Kultur


Viel verspricht sich Lehmann von der Natur. In seinen Ausführungen ist sie weniger der Ort, an dem man zukünftig leben und arbeiten will als vielmehr eine Kraft spendende, ehrliche, reine und kreative Gewalt. Sie ist auch das Gegenteil zur Stadt. Konkrete Pläne, unter seiner Obhut stehende Kinder auf dem Land zu erziehen, finden sich erstmals in seinen Tagebucheinträgen vom Januar 1925: Als die Idee, in Palästina eine Jugendsiedlung zu gründen, noch nicht geboren ist, plant Lehmann, die Zöglinge des Kinderhauses den Sommer über mitsamt dem Mobiliar und der Bibliothek des Kinderhauses in Litauen aufs Land zu schicken. Für mehrere Monate sollen die Jungen und Mädchen dort in einer jüdischen Dorfgemeinschaft leben und sich an der anfallenden landwirtschaftliche Arbeit beteiligen. Nur wenig später fällt seine Entscheidung nach Palästina zu gehen. Neben der Natur erwähnt Siegfried Lehmann Kultur als Bindung und Kraft spendendes Element seines Lebens. Diese Erwähnung ist ein Hinweis auf Lehmanns enge Verbindung zu den kulturzionistischen Ideen Martin Bubers. Der Kulturzionismus hatte die als bedeutsam erachtete Erneuerung der jüdischen Kultur zum Ziel, die als Voraussetzung der Jüdischen Renaissance galt. Diese wiederum strebte nicht die Schaffung eines jüdischen Staates, sondern die Schaffung des neuen jüdischen Menschen und der jüdischen Nation durch Erziehung und Bildung an. Entsprechend spielte auch die Auswanderung nach Palästina keine bedeutende Rolle. Als identitätsstiftend und verbindend galten jüdische Feste sowie hebräische und jiddische Sprache und Volkslieder.

Die Skizze der Jugendsiedlung im Emek


Im Tagebucheintrag vom 28.02.1925 beschreibt Lehmann nicht nur, was ihn zur Gründung einer Siedlung in Palästina motiviert und wovon er sich die Kraft verspricht, sein Vorhaben zu realisieren. Er skizziert auch, wie diese „Jugendsiedlung im Emek“ aussehen soll: Es handelt sich um eine rechteckige, klar definierte Anlage, die nach außen deutlich abgegrenzt ist und von der aus ein Zugang zu den umliegenden Feldern führt. Im Inneren der Anlage befinden sich mehrere Gebäude. Im Zentrum steht das sowohl durch seine Größe als auch durch die in ihm untergebrachten Einrichtungen bedeutsamste Haus. Im seinem vorderen Teil ist die Volkshochschule untergebracht, im hinteren Teil liegt der Festsaal. Er wird von Werkstätten, Schule und Laboratorien umrahmt, von denen es insgesamt 12 gibt – eine Zahl, die sowohl auf die Zahl der Söhne des Erzvaters Jakob als auch auf die der jüdischen Stämme verweist. Um das große Gebäude im Zentrum sieht Lehmann verschiedene Häuser zur Unterbringung und Versorgung der in der Siedlung lebenden Kinder vor: u. a. ein Spital, eine Krippe und eine Säuglingspflegestation – ein Hinweis darauf, dass er sich bereits früh auf die Aufnahme und Versorgung ganz junger Kinder einrichtet. Geplant sind auch Gruppenhäuser, in denen je 20 Kinder und ihr Erzieher leben sollen. Obwohl klar ist, dass die Siedlung im ländlichen Raum gegründet werden soll und Jugendliche zur landwirtschaftlichen Arbeit erzogen werden sollen, finden sich auf dem Areal der Siedlung keine Gebäude, die diesem Zweck dienen: Lehmann plant weder Ställe noch Scheunen, Gärten oder Unterstände für Maschinen. Der einzige Hinweis auf Landwirtschaft – „Ins Feld“ – verweist auf das Gelände außerhalb der Jugendsiedlung. Spital und Säuglingspflegestation – Institutionen, in denen Lehmann bereits gearbeitet hat – machen einmal mehr deutlich, dass die Anlage von einem Mediziner, nicht von einem (angehenden) Landwirt geplant wird.

Eine Jugendsiedlung wie ein Tempel


Bei seinem Gedankenspiel lehnt sich Lehmann an ein bekanntes und bedeutsames Gebäude: den von Herodes erbauten Tempel, dessen Zerstörung im Jahr 70 n. Chr. die Zerstreuung des jüdischen Volkes einleitete. Die von Lehmann skizzierte Umfassung seiner Anlage entspricht der Tempelmauer, die Hofanlage, auf der er die Gebäude zur Unterbringung der Kinder plant, dem Tempelplatz. Das große, zweigeteilte Gebäude im Zentrum entspricht Heiligtum und Allerheiligstem und beim genauen Blick zeigt sich, dass Lehmann sogar ein Äquivalent der beiden Säulen des Tempels, Boas und Jachin, darstellt. Dass Lehmann eine Volkshochschule an der Stelle platziert, die der des Heiligtums entspricht, verweist auf den hohen Stellenwert, den Jugend- und Erwachsenenbildung bei ihm haben. Eine fundamentale Veränderung gilt für das Allerheiligste: Im biblischen Kontext der Ort, den lediglich der Hohepriester einmal im Jahr zu Opferzwecken betreten durfte, wird der Raum für ihn zum Herzstück der Siedlung, die immer allen Bewohnern offensteht.

Fazit


Siegfried Lehmanns im Februar 1925 formulierter Plan und seine skizzierte Idee einer Jugendsiedlung in Palästina sind das Ergebnis einer tiefen persönlichen, durch verschiedene Faktoren bedingten Krise. Sein Blick auf die Welt und seine Werte geben ihm in den kommenden Monaten Kraft. Denn die Realisierung der Idee gestaltet sich schwierig. Es dauert, bis sich Unterstützer:innen und vor allem Geldgeber:innen finden und ein Förderverein seine Arbeit aufnimmt. Mindestens ebenso schwierig ist es, in Palästina Land zu finden, auf dem die Kownoer siedeln können. Als Ende 1926 die Entscheidung für Ben Schemen fällt, haben sich bereits mehrere Optionen zerschlagen und die Auseinandersetzungen mit einer jüdischen Frauengruppe, die ebenfalls Ansprüche auf die Siedlung nahe der Stadt Lod erhebt, sind in vollem Gange. Schließlich ist es die Gruppe um Lehmann, die bleibt. Die Siedlung Ben Schemen blickt zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine abwechslungsreiche Geschichte als Ölfabrik, landwirtschaftliche Versuchsanstalt und Künstlersiedlung zurück. Ein großes Zentralgebäude existiert, Scheunen und Ställe gibt es ebenfalls. Lehmann realisiert sein Projekt nicht wie in seiner Skizze auf unbebautem, freien Land. Der Grundriss des Dorfes erinnert auch nicht an den Tempel. Aber nach und nach werden unter Lehmanns Leitung Wohnhäuser, Werkstätten und medizinische Einrichtungen errichtet. Für alle Bewohner:innen wird der große Saal zum Mittelpunkt der Siedlung. Es ist der Raum, in dem gemeinsam gegessen und gefeiert wird. Lernen, arbeiten und als Gemeinschaft zusammenleben werden die zentralen Elemente in Siegfried Lehmanns Lebenswerk. DFG-Projekt „Jüdische Jugendbewegung und zionistische Erziehung“ (Projektkennung: 392108129)

Auswahlbiografie


Beate Lehmann, Die Jugend-Alijah als Herausforderung für das Kinder- und Jugenddorf Ben Schemen, in: Ulrike Pilarczyk / Ofer Ashkenazi / Arne Homann (Hrsg.), Hachschara und Jugend-Alija. Wege jüdischer Jugend nach Palästina 1918-1941, Gifhorn 2020, S. 165-193.
Beate Lehmann, Vorbereitung auf Erez Israel. Siegfried Lehmann und die Jüdische Waisenhilfe, in: Susanne Businger / Martin Biebricher (Hrsg.), Von der paternalistischen Fürsorge zu Partizipation und Agency. Der gesellschaftliche Wandel im Spiegel der Sozialen Arbeit und der Sozialpädagogik, Zürich 2020, S. 247-265.
Beate Lehmann, Siegfried Lehmann und die Jüdische Waisenhilfe, in: Shibolim, Ben Schemen 2020, S. 6-8.
Beate Lehmann, Selbsthilfe von Anfang an: Der Zentralausschuss der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau 1933 bis 1935, in: Sabine Hering / Harald Lordick / Gudrun Maierhof / Gerd Stecklina (Hrsg.), Brüche und Kontinuitäten. 100 Jahre Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland, Frankfurt 2017, S. 173-187.
Beate Lehmann, Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheuenviertel, in: Sabine Hering / Harald Lordick / Gerd Stecklina (Hrsg.), Jüdische Jugendbewegung und soziale Praxis, frankfurt 2017, S. 103-122.

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Zur Autorin

Beate Lehmann, geb. 1964, ist Promovendin der TU Braunschweig im Fachbereich Erziehungswissenschaften, Mitglied des Leitungsteams des Arbeitskreises Jüdische Wohlfahrt und stellvertretende Vorsitzende des Vereins Judaica in Meimbressen e. V. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Leben und Werk Siegfried Lehmanns, die Geschichte der jüdischen Sozialarbeit und Biographien jüdischer Akteur:innen der Sozialen Arbeit.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Beate Lehmann, Aus der Krise entstanden: Siegfried Lehmanns Idee einer Jugendsiedlung in Palästina, in: Jüdische Text-Architekturen, 03.03.2025. <https://juedische-text-architekturen.online/beitrag/jta:article-9> [04.04.2025].

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